Burnout-Syndrom

Stress ist eine typische Form psychischer Belastung im Arbeitsleben. Ein wirkungsvolles und vorbeugendes Mittel zur Bewältigung ist das individuelle Anti-Stress-Programm ("Sicherheitsforum" 2/2000). Was aber tun, wenn man sich ausgebrannt, erschöpft und überfordert fühlt?

Umfragen in der Arbeitswelt belegen, dass sich ca. 60 % aller Arbeitnehmer überfordert fühlen, ca. 40 % fürchten die Konkurrenz durch Kollegen und Kolleginnen. Ca. 90 % bangen um ihren Arbeitsplatz und mehr als 1 Million Angestellte sehen sich als Opfer von Mobbingattacken. Angst, Unlust, Leistungsabfall, Erschöpfung, psychosomatische Erkrankungen sowie Suchtverhalten sind dann die Folgen.

Viele Beschäftigte fühlen sich "ausgebrannt". Die Unlust und das Nichtmehrwollen führt dazu, dass sie sich mehr schlecht als recht durch den Arbeitsalltag quälen. Dieses so genannte "Burnout-Syndrom" findet man in allen Berufsgruppen. Besonders Menschen, die mit Menschen arbeiten, sind stärker gefährdet, irgendwann "auszubrennen".

Was ist das Burnout-Syndrom?

Ausgebrannt - dahinter verbergen sich die unterschiedlichsten Symptome. Generell versteht man unter Burnout (engl. to burn out = ausbrennen) die negativen Folgen einer beruflichen Beanspruchung mit Erschöpfung von Gefühlsfähigkeit, einer inneren Distanzierung und Leere sowie Leistungsabfall im Beruf. Das Burnout-Syndrom ist einschleichender Verbrauch emotionaler und geistiger Kräfte, einhergehend mit der Entwicklung einer inneren Leere und Verzweiflung und entsprechenden sozialen, psychischen und körperlichen Folgen.

Doch von heute auf morgen ist man nicht ausgebrannt. Burnout hat nichts mit der normalen Müdigkeit und auch nichts mit dem Arbeitsstress zu tun. Es ist ein langwieriger Prozess, der in einem Ekelgefühl vor der Arbeit gipfelt. Dieser Prozess kann viele Jahre dauern. Der Betroffene selbst und die Kollegen bemerken dieses Syndrom oft erst zu spät, das heißt, wenn organische Erkrankungen, so genannte psychosomatische Erkrankungen (körperliche Erkrankungen mit psychischen Ursachen) auftreten. Das Leistungsvermögen ist bei der täglichen Arbeit stark abgefallen oder anders gesagt, die "Batterien" sind fast leer.

Es kann jeden treffen ...

Wer denkt, das Ausbrennen trifft nur die sensiblen Naturen, irrt sich gewaltig. Wie entwickelt sich die Erkrankung? Oftmals sind es die besonders Engagierten und Idealisten, die es überrollt. So stellt die Diplom-Psychologin Birgit Reime in einer wissenschaftlichen Studie fest, dass das Burnout-Syndrom besonders jenen Arbeitsnehmern zu schaffen macht, die schon länger im Beruf stehen. Nach anfänglicher Euphorie für die Arbeit stelle sich nach vielen frustrierenden und belastenden Erfahrungen Gleichgültigkeit und Desinteresse ein. Es wird der innere Rückzug angetreten. Die Betroffenen zeigen sich resigniert und hoffnungslos und ihr Vertrauen in ihre eigene Fähigkeiten schwindet. In dieser Phase wird häufig zu Alkohol, Zigaretten, Beruhigungsmitteln und Analgetika (Schmerzmittel) gegriffen, um den Frust im Beruf überhaupt zu ertragen. War die Berufswahl und der erlernte Beruf ehemals der Traumberuf, so macht sich irgendwann die Erkenntnis breit: "es bringt ja doch nichts" oder "es ist sowieso alles sinnlos".

Die Arbeit geht zunehmend schwerer von der Hand. Am liebsten würde man überhaupt nicht mehr hingehen und morgens, wenn der Wecker klingelt, fällt man in tiefen Schlaf, nachdem man sich nachts schlaflos im Bett herumgequält hat. So ist es erklärlich, dass man immer nervöser, unausgeglichener und reizbarer wird. Kurzum: Das Maß ist voll, es ist einem alles zuviel.

Wird jetzt nichts unternommen, brennen Seele und Körper immer mehr aus. Das gesamte Leistungsvermögen bewegt sich auf den Nullpunkt zu. Spätestens jetzt ist ärztliche Behandlung erforderlich.

Symptome beim Burnout-Syndrom

1. Anfangsphase
Erhöhung des Engagements:
Nichtspüren eigener Bedürfnisse, das Gefühl, nie Zeit zu haben

2. Zwischenphase
Verminderung des Engagements:
Verminderung von Sozialkontakten, Zynismus, der Widerwille, zur Arbeit zu gehen

3. Manifestes Stadium
Depressive, teilweise aggressive Symptome, psychosomatische Erkrankungen, eventueller
Suchtmittelmissbrauch, Entscheidungsschwächen bis hin zu Entscheidungsunfähigkeit
und emotionaler "Lähmung", negative Einstellung zum Leben, Suizidgedanken.

Ermüdung bei der Arbeit! Wenn bislang die Arbeit leicht und ohne Schwierigkeiten von der Hand ging, sie aber jetzt immer anstrengender wird, nicht mehr so effektiv wie früher läuft und die Motivation merklich nachlässt, dann ist in der Regel der Zustand der Ermüdung erreicht. Die Arbeitsfähigkeit wird auf Dauer verringert, wenn auf Phasen der Ermüdung nicht ausreichende Phasen der Erholung folgen. Es stellt sich ein Zustand der Erschöpfung ein, der zu Gesundheitsschäden führen kann. Ermüdung und Erholung sollten deshalb immer im Gleichgewicht stehen.

Eintönige Tätigkeiten stumpfen ab! Besonders bei Datenerfassungs-, Überwachungs- und Kontrolltätigkeiten unter reizarmen Arbeitsbedingungen kommt es häufig zu Störungen des Wach-Seins-Niveaus. Sich ständig wiederholende einförmige Arbeitsvorgänge oder Unterforderungen können Müdigkeit, verminderte geistige Spontanität und ein Abstumpfen bewirken. Die Monotonie ist ihrem Erscheinungsbild der Ermüdung sehr ähnlich.

So kehren sich oft bestimmte betriebliche Organisationsmodelle, das heißt, durch mehr Spezialisierung in bestimmten Tätigkeitsfeldern eine höhere Effektivität zu erreichen, in das Gegenteil um. Gedacht sei hier an die Einrichtung von Schreibdiensten oder reinen Datenerfassungsarbeitsplätzen. Die betroffenen Mitarbeiter sind dann häufig nicht mehr in der Lage, sich aus dieser Situation zu befreien. Selbst mit einer gesteigerten Motivation lassen sich nur kurzzeitig Erfolge erzielen. Auf Dauer führt auch diese Art der Kompensation wieder schnell an die Grenze der Erschöpfung.

Häufig wird die körperliche Anstrengung mit Stress gleichgesetzt. Hier laufen jedoch vom Grundsatz her andere psychologische Vorgänge ab. Eine steigende Ermüdung kann durch entsprechende Erholung kompensiert werden, für den Stress trifft dies aber nicht so ohne weiteres zu.

Folgen von Fehlbeanspruchung für Gesundheit und Arbeitsanforderungen

Kurzfristige Folgen:

  • Ermüdung, Monotonie, Sättigung
  • Gefühle der inneren Anspannung
  • Konzentrationsprobleme
  • Nervosität, Angst
  • Reizbarkeit
  • Ärger und Wut

Mittel- bis langfristige Folgen:

  • Ängstlichkeit, Unzufriedenheit, Resignation, Depression
  • allgemeine Beeinträchtigung des Wohlbefindens
  • Einschlafschwierigkeiten
  • krtisches Gesundheitsverhalten
  • psychosomatische Erkrankrankungen

Folgen bezüglich der Bewältigung von Arbeitsaufgaben:

  • Leistungsschwankungen
  • Abnahme der Qualität der Arbeitsverrichtung
  • kurzsichtige Entscheidungen
  • Verschlechterung der sensomotorischen Koordination
  • Konflikte mit Vorgesetzten und Kollegen
  • Rückzugsverhalten
  • Zunahme von Fehlzeiten

Psychische Belastungen von Mitarbeitern - ein Aufgabenfeld für die Vorgesetzten

Viele Führungskräfte sind sich nicht bewusst, dass sie über psychische Belastungssituationen von Mitarbeitern in ihrem Verantwortungsbereich mitentscheiden. Sie sollten aber wissen, das Ausmaß psychischer Belastungen am Arbeitsplatz und die daraus folgenden Beschwerden der Mitarbeiter sind auch und gerade das "Produkt von Entscheidungen von Vorgesetzten".

Zu den Führungsaufgaben von Vorgesetzten gehört deshalb auch, sich um die Belange der Mitarbeiter zu kümmern. Sie sollten ein offenes Ohr für die Probleme ihrer Mitarbeiter haben und deren Leistungen durch Lob und Anerkennung honorieren. Häufig wird da nur die "Minimal-Belohnung" zuteil, nach dem Motto: "Stillschweigen ist des Lobes genug". Dabei wird die Wirkung einer noch so kleinen ausgesprochenen Anerkennung vielfach unterschätzt. Gerade durch sie werden Mitarbeiter motiviert und gewinnen das Gefühl der Wertschätzung für ihre Arbeit.

Gibt es Anlass zu Kritik, sollte sie immer wohlwollend und konstruktiv sein, keinesfalls persönlich und verletzend. Die Kompetenz der Führungskräfte ist bei der Problembewältigung von entscheidender Bedeutung. Besonders Führungskräfte unterer Verwaltungsebenen, die selbst in ein System von betrieblichen Sachzwängen eingebunden sind, können teilweise nur bedingt auf alle stresserzeugende Faktoren im Unternehmen Einfluss nehmen. Sie können aber nicht von der Führungsaufgabe, der Verantwortung für ihre Mitarbeiter, entbunden werden.

So wie Qualität und Sicherheit ist auch Gesundheit eine Führungsaufgabe. Gerade durch den engen Kontakt zu ihren Mitarbeitern wissen sie am besten, welche besonderen Fähigkeiten jeder besitzt und welche Bedürfnisse und Erwartungen die Mitarbeiter an die Arbeit stellen. Dieses Wissen ist eine wichtige Voraussetzung zur Vermeidung von Fehlbelastungen im Unternehmen und sollte deshalb in Maßnahmen zur Gesundheitsförderung im Betrieb umgesetzt werden.

(aus "Sicherheitsforum" 3-2000)